Im Frühjahr 1984, als die ersten zarten Sonnenstrahlen durch die noch kühle Luft streichen, hält ein fotografischer Moment die Zeit an. Das Bild zeigt meine Eltern, meinen kleinen Bruder und mich in der DDR in unserem kleinen Wohnzimmer. Für uns ist dieser Augenblick nicht einfach nur ein weiterer Frühlingsabend - es sollte mein letzter Abend in einem Land sein, das mir so viel gegeben und auch so viel genommen hatte.
Mein Vater, ein Mann von stoischer Ruhe, hat auf dem Foto einen starren Blick, der mehr erzählt als Worte je könnten. In seinen Augen blitzt die Sorge um unsere Zukunft auf, die Verzweiflung über die Umstände, die uns trennen sollten. Neben ihm sitzt meine Mutter, deren Gesicht von tiefer Traurigkeit gezeichnet ist. Ihre Augen spiegeln die Angst wider, die sie empfinden musste - die Angst, ihr Kind gehenzulassen, während sie selbst in der Heimat gefangen blieb.
Und ich? Ich erinnere mich an den Kloß im Hals, der kaum zu ertragen war. Während wir Erwachsenen von der drückenden Realität überwältigt sind, lächelt mein kleiner Bruder ahnungslos und voller Unschuld in die Kamera. Nichts ahnend, dass er seinen großen Bruder viele Jahre nicht mehr sehen wird. Dieses Bild ist mehr als nur ein Schnappschuß; es ist ein Fenster in die Seele einer Familie, die vor einer völlig ungewissen Zukunft steht.
In diesem Buch erfahren Sie viel Interessantes über das Leben in der DDR im Allgemeinen, vor allem aber über die Hoffnung in Zeiten der Unterdrückung, über den Mut, auch das scheinbar Unmögliche zu versuchen, über den Aufbruch in ein neues Leben nach der Haft als politischer Gefangener in Bautzen, und über die Liebe, die unsere Familie, egal, wo wir auch waren, nie verlassen hat.